Reality Show No. I - Herr Prof. R.

Nachdem mich der verehrte Baron auf die Idee gebracht hat mal ein literarisches Panorama der mich umgebenden Leute zu erstellen - was ich mir einige Zeit durch den Kopf gehen ließ - so eröffne ich hiermit feierlich eine neue Kategorie meines Blogs. (Herr Baron, darf ich bitten? - Hier die Schere, dort das rote Band...)

Reality TV - nur ganz ohne Fernsehen. Hier werden meine Leser nun zukünftig gefordert ihre Fantasie zu benutzen. Ich muss gestehen, dass klingt bei all den Massenmedien heutzutage altmodisch, aber manchmal muss man auch einfach alte (Erfolgs-)Strategien aufgreifen um sich aus der Masse der Unterhaltungsangebote hervorzutun.

Beginnen wir heute mit einer Person, die meinen univesitären Nachmittag heute prägte. Eine Person, deren Veranstaltungen ich gerne aufsuche, weil sie großen Unterhaltungswert haben, denn der Herr Professor ist nicht nur Pädagoge und Philosoph, sondern auch selbsternannter Schauspieler, Bildungsbürger, Musiker und "Spielernatur".
Betritt man den Raum, so kann man sicher sein, das er auf keinen Fall schon dort ist. Er lässt sich Zeit - er sitzt noch im Bistro und schlürft gemütlich seinen Kaffee während er sich dem Treiben hingibt. Am liebsten wäre es ihm wohl, wenn die Studenten sich einfach zu ihm gesellen würden - aber schließlich muss er sich ja doch all den universitären Vorschriften beugen und kommt halt mal zur Vorlesung.
Abgesehen davon liebt er seine Bühne viel zu sehr - und wenn es auch nur die eines Vorlesungsaales ist, er nimmt jede, die er kriegen kann. Und verirrt sich einmal ein Kind in den Raum - kaum älter als 8 Jahre - so wird diesem Angst und bange und es vermag seine Beine kaum schnellgenug in die Hände zu nehmen um dem hähmischen Grinsen des Herrn Professors zu entkommen - dem selbsternannten Mephisto.
Vom äußeren ein gestandener Mann, der seinen Gürtel unter seinem Kugelbauch zusammenschnüren muss und immer in einem Anzugsjacket und mit wappenartigem Goldring am Finger erscheint, innerlich jedoch gerne Freigeist - "sensibel", wie er selbst sagt. Ein Mann, der die "Brutalität" der Frauenwelt nicht erträgt - und daher wohl auf die Liebe zur Literatur und der klassischen Musik ausweichen musste.
Es gibt keinen anderen Professor, der ein Gedicht vorträgt und anschließend erklärt, dass dieses Gedicht in "D Moll" komponiert sei. Der anfängt zu dirigieren, wenn ein Student im Rhetorikkurs einen Vortrag hält. Oder der sich im Seminar "Allgemeine Pädagogik" (nach Wochen der Schlüsselsuche) spontan an den Flügel im Vorlesungsraum setzt und zur Verdeutlichung des Reisemotivs in der Reformpädagogik zur Jahrhundertwende Schubert spielt.
Er liest stundenlang voller Extase Thomas Mann und alle "großen Literaten" vor - und schreit und kreischt die Frauenfiguren - jammert und heult. Manchmal möchte man zurückweichen und wird von der nächsten Tischreihe aufgehalten. Dann jedoch wird alles ganz leise, weil er die Stimme so sehr senkt, dass kaum noch jemand was versteht - manchmal scheint er auch während er etwas schildert einfach Selbstgespräche zu führen. Man muss lachen, aber manchmal ist es auch einfach anstrengend.
In letzter Zeit hat man mehr und mehr den Eindruck, dass der verehrte Herr Professor immer weniger Pädagoge ist - und immer mehr ein schräger alter Kautz. Aber noch immer sind seine Vorlesungen gefüllt. Und wenn ihm einfällt mal wieder den "Faust" umzuschreiben und als Ein-Mann-Stück auf die Bühne zu bringen, so ist er sich einer ausverkauften Vorstellung sicher.

Fraglich ist nur immer, was man am Ende in die Klausuren schreiben soll. Bei ihm wird man wahrscheinlich mehr Bildungsbürger als Pädagoge. Und dabei sollte er mal Grundschullehrer werden...

LG, Bea

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